Finanzen · · 6 Min. Lesezeit
Von Lucas Gruber, Gründer von ChiefBoard
Ein Drittel des Mittelstands hat unter 10 Prozent Eigenkapital: Was Ihre Quote wirklich entscheidet
Die Creditreform-Herbstumfrage vom 8. Oktober 2026 zeigt eine Investitionsbereitschaft auf dem niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten und bei einem Drittel der Betriebe eine Eigenkapitalquote unter 10 Prozent. Warum diese eine Kennzahl über Ihren Spielraum entscheidet, wie Sie sie in zwanzig Minuten richtig rechnen, welche vier Hebel ohne neues Kapital wirken und was vor das nächste Bankgespräch gehört.
Wenn in diesen Wochen über den Mittelstand berichtet wird, steht meist die Investitionszahl in der Schlagzeile. Die Creditreform-Wirtschaftsforschung hat ihre Herbstumfrage am 8. Oktober 2026 veröffentlicht, befragt wurden nach eigenen Angaben rund 1.200 kleine und mittlere Unternehmen. Danach planen 37,3 Prozent der Betriebe ein Investitionsvorhaben, im Vorjahr waren es 43,5 Prozent, 2021 lag der Wert über 50 Prozent. Die Umfrage bezeichnet das als den niedrigsten Stand der vergangenen zwanzig Jahre.
Interessanter als diese Zahl ist die Zahl daneben. Nach derselben Umfrage weisen 33,0 Prozent der Betriebe eine Eigenkapitalquote von unter 10 Prozent aus, praktisch unverändert gegenüber dem Vorjahr, dessen Wert die Umfrage als den höchsten seit fast zwanzig Jahren einordnet. Gleichzeitig ist der Anteil der Betriebe mit einer Quote über 30 Prozent von 35,7 auf 33,0 Prozent gesunken. Die Mitte wird also dünner, und zwar an beiden Enden in dieselbe Richtung.
Diese zweite Zahl erklärt die erste besser als jede Konjunkturprognose. Ein Betrieb mit 8 Prozent Eigenkapital investiert nicht deshalb nicht, weil er pessimistisch ist, sondern weil er es nicht finanziert bekommt oder nicht zu Konditionen, die sich rechnen. Als Grund für die Investitionszurückhaltung nennt die Umfrage ausdrücklich höhere Finanzierungskosten, knappe Reserven und unsichere Aussichten. Wenn Sie wissen wollen, wie viel Spielraum Sie im kommenden Jahr haben, ist Ihre Eigenkapitalquote die Kennzahl, die Sie zuerst kennen müssen.
Was diese eine Kennzahl tatsächlich entscheidet
Die Eigenkapitalquote ist in der Außenwirkung keine Kennzahl unter vielen, sondern der Filter, durch den ein Kreditgeber alles andere betrachtet. Sie wirkt an vier Stellen:
- Ob überhaupt finanziert wird. Unterhalb bestimmter Schwellen fällt ein Vorhaben in eine andere Bearbeitungsklasse oder wird abgelehnt, bevor über das Vorhaben selbst gesprochen wird.
- Zu welchem Preis. Die Quote fließt in das interne Rating ein, und das Rating bestimmt den Aufschlag. Bei schwacher Quote ist der Zinsunterschied größer als jeder Verhandlungserfolg im Gespräch.
- Welche Sicherheiten verlangt werden. Je dünner die Quote, desto mehr persönliche Haftung, Grundschuld oder Abtretung steht im Vertrag. Das ist der Teil, der Sie später am stärksten einschränkt.
- Wie viel Zeit Sie bei einem Rückschlag haben. Eigenkapital ist der Puffer, der einen Forderungsausfall oder einen verlorenen Großkunden abfedert, ohne dass sofort verhandelt werden muss.
Der vierte Punkt ist der, der im Alltag übersehen wird, weil er nur wirkt, wenn etwas schiefgeht. Er ist aber der Grund, warum zwei Betriebe mit derselben Auftragslage völlig unterschiedlich handlungsfähig sind.
Wie Sie Ihre eigene Quote in zwanzig Minuten richtig rechnen
Die Formel ist einfach: Eigenkapital geteilt durch Bilanzsumme. Die Arbeit liegt darin, dass die Zahl aus dem Jahresabschluss und die Zahl, mit der ein Kreditgeber rechnet, selten dieselbe ist. Nehmen Sie Ihre letzte Bilanz und prüfen Sie vier Positionen:
- Gesellschafterdarlehen. Steht ein Rangrücktritt dazu in den Unterlagen, wird das Darlehen üblicherweise wie Eigenkapital gewertet. Fehlt er, ist es Fremdkapital. Das ist oft der größte einzelne Unterschied.
- Entnahmen und ausstehende Gewinnausschüttungen. Ein beschlossener, aber nicht ausgezahlter Gewinn mindert das Eigenkapital in der Betrachtung bereits.
- Aktivierte Posten ohne Substanz, etwa ein Firmenwert aus einem Zukauf oder aktivierte Eigenleistungen. Diese Positionen werden in der Analyse häufig abgezogen, womit Eigenkapital und Bilanzsumme gleichzeitig sinken.
- Forderungen gegen Gesellschafter oder verbundene Unternehmen. Sie erhöhen die Bilanzsumme, gelten aber als nicht werthaltig und werden oft gekürzt.
Rechnen Sie die Quote zweimal: einmal wie bilanziert und einmal nach diesen Korrekturen. Die zweite Zahl ist die, über die Sie im Gespräch sprechen werden. Wenn die beiden Zahlen weit auseinanderliegen, ist das die wichtigste Erkenntnis des Vormittags, und Sie sollten sie kennen, bevor Ihr Gegenüber sie Ihnen nennt.
Die vier Hebel, die ohne neues Kapital wirken
Die Quote ist ein Bruch. Sie steigt, wenn der Zähler wächst, und sie steigt genauso, wenn der Nenner schrumpft. Der zweite Weg wird unterschätzt, obwohl er schneller und ohne Gesellschafterbeschluss funktioniert:
- Bilanzsumme verkürzen. Nicht betriebsnotwendige Anlagen verkaufen, Lagerbestände abbauen, überfällige Forderungen eintreiben oder abschreiben. Jeder Euro, der die Bilanzsumme verlässt, hebt die Quote, ohne dass ein Euro hinzukommt.
- Gewinn im Unternehmen lassen. Eine um ein Jahr verschobene Ausschüttung ist der direkteste Weg, und er kostet keine Verhandlung. Die steuerliche Seite davon gehört vorher mit dem Steuerberater geklärt.
- Gesellschafterdarlehen mit Rangrücktritt versehen. Das verändert keinen einzigen Zahlungsstrom, verschiebt aber unter Umständen eine erhebliche Summe vom Fremd- in das wirtschaftliche Eigenkapital. Ohne rechtliche Prüfung sollte das nicht geschehen, denn der Rücktritt ist bindend.
- Investitionen mieten statt kaufen, wo das sinnvoll ist. Das hält die Bilanzsumme flach, verlagert die Belastung aber in die laufenden Kosten und ist über die Laufzeit meist teurer. Ein Hebel für die Quote, nicht für die Rendite.
Keiner dieser Hebel macht einen schwachen Betrieb stark. Sie verschaffen Ihnen eine bessere Ausgangsposition für ein Gespräch, das in den nächsten Monaten ohnehin stattfinden wird, und das ist in diesem Umfeld schon viel.
Der Vergleich, der am Ende entscheidet
Ab diesem Punkt wird es eine Rechnung und keine Haltungsfrage mehr. Auf der einen Seite steht, was es kostet, die Quote zu heben: die entgangene Ausschüttung, der Erlös unter Buchwert beim Verkauf einer Anlage, die höheren Mietkosten über die Laufzeit. Diese Beträge lassen sich beziffern, und Sie sollten sie beziffern, bevor Sie sich festlegen.
Auf der anderen Seite steht, was es kostet, es nicht zu tun. Das ist in erster Linie die Zinsdifferenz über die geplante Laufzeit, und in zweiter Linie der Wert des Vorhabens, das Sie bei einer Ablehnung gar nicht umsetzen. Beide Seiten brauchen dieselbe Bezugsgröße, sonst vergleichen Sie einmalige mit laufenden Beträgen.
Dabei lohnt sich eine Gegenprobe. Die Umfrage vom 8. Oktober 2026 beschreibt nicht nur Zurückhaltung: Der Creditreform-Geschäftsklimaindex stieg von 0,1 auf 1,1 Punkte, und bei den Auftragseingängen meldeten 20,2 Prozent der Betriebe steigende und 26,4 Prozent rückläufige Werte, im Vorjahr waren es 21,5 und 27,6 Prozent. Das Verarbeitende Gewerbe hat sich nach dieser Darstellung verbessert, das Baugewerbe deutlich verschlechtert. Wenn 62,7 Prozent der Betriebe nicht investieren, heißt das auch, dass Kapazitäten, Fachkräfte und Lieferzeiten für den verfügbar sind, der es tut. Rechnen Sie also beides: was die Investition kostet, wenn Sie sie jetzt finanzieren, und was sie kostet, wenn alle anderen zwölf Monate später gleichzeitig wieder anfangen.
Was vor das nächste Bankgespräch gehört
Die Quote selbst ändern Sie in einem Gespräch nicht mehr. Was Sie ändern können, ist, wie belastbar Ihre Darstellung ist. Drei Dinge sollten vorher schriftlich vorliegen:
- Die korrigierte Quote mit der Rechnung dahinter, einschließlich der Positionen, die Sie selbst abgezogen haben. Wer die eigene Zahl kritischer rechnet als sein Gegenüber, verhandelt aus einer anderen Position.
- Eine Liquiditätsvorschau über zwölf Monate, monatlich, mit den zwei oder drei Annahmen, von denen sie abhängt. Nicht die optimistische Variante allein, sondern auch die, in der der größte Kunde später zahlt.
- Der Verwendungszweck mit der erwarteten Wirkung in Euro und einem Datum, an dem Sie selbst überprüfen, ob sie eingetreten ist. Das ist der Teil, den Sie unabhängig von der Finanzierung brauchen.
Diese drei Unterlagen kosten einen Tag. Sie sind derselbe Tag, den Sie für Ihre eigene Entscheidung brauchen, und deshalb nicht verloren, falls das Vorhaben am Ende nicht kommt.
Wenn Sie die Rechnung nicht allein aufstellen wollen
Die Arbeitsschritte in diesem Beitrag sind keine Beratungsleistung, sondern Rechnen mit den eigenen Zahlen. Genau daran scheitert es im Alltag aber oft, weil niemand dafür einen halben Tag freiräumt und weil die Varianten, einmal mit und einmal ohne verschobene Ausschüttung, ohne Hilfe schnell unübersichtlich werden.
ChiefBoard ist für diese Lücke gebaut. Es nimmt Ihre Zahlen, rechnet die Varianten mit Kosten und erwartetem Nutzen durch, legt die Annahmen offen und hält fest, was Sie wann entschieden haben, damit Sie in einem Jahr nachsehen können, ob die Rechnung aufgegangen ist. Für die rechtliche und steuerliche Seite eines Rangrücktritts oder einer verschobenen Ausschüttung bleibt Ihr Steuerberater zuständig.
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